Notes de Bas de Paje ist ein sehr junges französisches Nischenparfumhaus, gegründet
2023 von Alice Gensse und Pierre-Jr Menana.
Die beiden kommen ursprünglich aus der Rechtswelt: Alice wuchs im französischen Baskenland auf und ging für ihr Jurastudium nach Paris; Pierre-Jr wuchs in Paris auf und hat familiäre Wurzeln in Kamerun. Kennengelernt haben sie sich 2020, als beide für die Anwaltsprüfung arbeiteten. Aus ihrer gemeinsamen Beschäftigung mit Duft und Luxus entwickelte sich schließlich die Marke.

Und genau daher kommt der ungewöhnliche Name.
„Notes de bas de page“ heißt auf Französisch „Fußnoten“. Die Gründer kannten Fußnoten natürlich aus ihrem Jurastudium: Sie erklären etwas, das im Haupttext nur angedeutet wird, geben Kontext und verraten Details. Gleichzeitig bedeutet note im Französischen auch eine Duftnote.
Das „Paje“ ist absichtlich mit J geschrieben. Die Marke beschreibt es als phonetische Mischung aus page und den Initialen bzw. dem verbindenden „et“ von Pierre-Junior Et Alice.
Das ist mehr als Wortspielerei. Die Grundidee lautet sinngemäß:
Das Leben ist das Buch. Die einzelnen Lebensphasen sind Kapitel. Die Düfte sind die Fußnoten, die erklären, was zwischen den Zeilen passiert.
Deshalb ist die gesamte Kollektion autobiografisch beziehungsweise narrativ angelegt.
Jeder Duft steht für Erinnerungen, Menschen, Orte oder einschneidende Momente im Leben der Gründer.
Das Design
Auch die Verpackung folgt diesem Konzept. Die Düfte befinden sich in Boxen, die wie Bücher gestaltet sind. Zusammengestellt sollen sie wie eine kleine olfaktorische Bibliothek wirken.
Das ist nicht nur Marketing: Das gesamte visuelle System der Marke ist tatsächlich auf Literatur, Kapitel, Seiten und Fußnoten aufgebaut.

Alle vier Hauptdüfte sind Extraits de Parfum, werden in Frankreich hergestellt und sind regulär als 50 ml erhältlich.
Aktuell verlangt die Marke für Prolégomènes, Olatua und Carambolage jeweils 195 €, für Towédé 205 €.
PROLÉGOMÈNES
2023 · Extrait de Parfum · 50 ml · 195 €
Parfümeurin: Amélie Bourgeois, Mitgründerin des unabhängigen Pariser Duftstudios Flair

Offizielle Noten: Bergamotte · Kardamom · Feigenmilch · Apfel · Atlaszeder · Vetiver · Ambroxan.
Die Geschichte
„Prolégomènes“ bedeutet ungefähr Vorwort, einleitende Gedanken oder Präliminarien. Es ist also sehr bewusst der erste Duft.
Die Szene ist ein grüner Parkbank an der Seine in Paris im Frühling. Zwei Menschen, die sich eigentlich nie hätten begegnen sollen, treffen aufeinander. Alte Gewissheiten verschwinden, aus einem vermeintlich festgelegten Leben wird plötzlich eine leere Seite.
Der Duft handelt deshalb von Neuanfang, Verlieben, Möglichkeit und Risiko.
Wie er riecht
Das Interessante ist der Gegensatz zwischen Frische und Cremigkeit.
Bergamotte und Apfel sorgen zunächst für eine klare, helle Frische. Kardamom macht diese Frische etwas kühler und würziger. Dann kommt die entscheidende Komponente: Feigenmilch.
Dadurch wird Prolégomènes nicht einfach zu einem klassischen zitrisch-grünen Freshie. Er bekommt etwas milchiges, weiches, leicht pflanzliches und hautnahes.
Zeder, Vetiver und Ambroxan ziehen darunter eine moderne, trockene, holzig-mineralische Linie.
Charakter:
grün · cremig · frisch · holzig · leicht fruchtig · modern.
Für mich ist das konzeptionell der zugänglichste Einstieg in die Marke. Er ist ungewöhnlich genug, um interessant zu sein, aber nicht absichtlich verstörend.
OLATUA
2023 · Extrait de Parfum · 50 ml · 195 €
Parfümeurin: Elia Chiche.
Offizielle Noten: Kokos/Wax · Calone · weiße Blüten · Ylang-Ylang · schwarzer Pfeffer · weißer Moschus · Vetiver.
Und hier wird die Geschichte der Marke besonders persönlich.
„Olatua“ bedeutet Welle
Der Duft führt ins Baskenland, wo Alice aufgewachsen ist.
Die Marke beschreibt einen baskischen Sommer: Juli und August, barfuß im Sand, Salzwasser, Sonnencreme, Surf-Wax und die Ungeduld eines Teenagers, der auf den nächsten Sommer wartet. Dazu gehört auch die Erinnerung an eine kurze Liebesgeschichte, die keine Zukunft hatte, aber trotzdem unvergesslich blieb.
Das erklärt die Komposition ziemlich gut.

Wie er riecht
Olatua ist kein gewöhnlicher Kokos-Strandduft.
Calone erzeugt diesen transparenten, ozonischen, wässrig-marinen Effekt. Kokos/Wax vermittelt weniger „Piña Colada“ als vielmehr Surfbrett-Wachs + Sonnencreme + warme Haut.
Ylang-Ylang und weiße Blüten geben dem Duft eine cremige, sonnige Floralität. Schwarzer Pfeffer verhindert, dass das Ganze zu weich oder banal tropisch wird. Moschus und Vetiver bilden eine saubere, trockene Basis.
Das Resultat wurde treffend als aquatisch-cremig beschrieben.
Charakter: aquatisch · cremig · salzig/ozonisch · floral · sonnig · moschusartig · leicht pudrig.
Das Faszinierende an Olatua ist für mich die Verbindung aus Nostalgie und Moderne.
Er riecht nach Sommer, aber nicht nach einem typischen kommerziellen „Beach“- Parfum.
TOWÉDÉ
2023 · Extrait de Parfum · 50 ml · 205 €
Parfümeurin: Margaux Le Paih Guérin von Flair Paris.
Sie selbst nennt Towédé unter ihren Arbeiten und beschreibt reichhaltige gourmandige, rauchige und ledrige
Kompositionen als einen wichtigen Teil ihrer damaligen Handschrift.

Offizielle Noten: Muskatnuss · Zimt · Ambra/Ambergris-Akkord · Sandelholz · Leder · dunkle Schokolade · Cashmeran · Vanille · Patchouli.
Die Geschichte
Hier geht es um zwei Welten.
Die offizielle Erzählung beginnt mit nackten Füßen auf roter Erde. Staub steigt auf und gelangt schließlich zu kaltem, hartem Asphalt. Eine Welt der Geister, Bäume, Mythen und Spiritualität trifft auf eine moderne, rationale Welt.
Aber keine verdrängt die andere.
Die Marke beschreibt Towédé deshalb als Begegnung zweier Welten, die ineinander greifen und schließlich nebeneinander bestehen.
Das lässt sich sehr gut mit Pierre-Jrs Biografie und seiner Verbindung zu Kamerun lesen, ohne den Duft darauf vollständig reduzieren zu müssen. Seine Kindheit führte ihn zeitweise nach Kamerun, bevor er nach Paris zurückkehrte.
Wie er riecht
Towédé ist deutlich dunkler, wärmer und gourmandiger als die ersten beiden.
Zimt und Muskat erzeugen Wärme. Dunkle Schokolade liefert keine simple Pralinensüße, sondern eher eine bittere Kakao-Dunkelheit. Dann kommen Leder, Patchouli und Cashmeran: trocken, texturiert, teilweise erdig. Sandelholz, Vanille und der Amber-Akkord machen das Ganze runder und körperlicher.
Charakter: warm · würzig · dunkel · gourmandig · holzig · ledrig · erdig · sinnlich.
Wenn jemand schwere, süße Nischenparfums mag, würde ich von den ersten drei wahrscheinlich Towédé zuerst testen.
Aber ich würde ihn nicht blind kaufen: Schokolade + Leder + Patchouli + Gewürze + Cashmeran ist wesentlich charakterstärker als die Notenliste zunächst vermuten lässt.
CARAMBOLAGE
Und dann verändert sich die Stimmung der Marke ziemlich drastisch.
Lanciert Ende 2025 · Extrait de Parfum · 50 ml · 195 €
Parfümeurin: Camille Chemardin von Flair Paris.

Offizielle Noten: Rhabarber · Cade/Wacholderteer · zerknittertes Metall · Myrrhe · Styrax · Leder · Guajakholz · Virginiazeder · sibirische Kiefer.
Die Geschichte: ein Autounfall
Carambolage bedeutet unter anderem Zusammenstoß/Karambolage.
Die Erzählung ist entsprechend brutal: fünf Menschen fahren nachts im Auto. Reifen auf Asphalt, Leder im Innenraum. Eine Kurve wird falsch genommen.
01:12 Uhr: Aufprall. Metall verformt sich, Glas zerbricht, Leder reißt, Angst.
01:13 Uhr: Eine Tür öffnet sich.
Der Erzähler lebt weiter.
Damit geht die Marke deutlich weiter als beim nostalgischen Olatua oder romantischen Prolégomènes. Das ist nicht mehr bloß Erinnerung, sondern ein Trauma beziehungsweise existenzieller Moment, der olfaktorisch rekonstruiert wird.
Wie Carambolage riecht
Hier wird es richtig interessant.
Rhabarber erzeugt eine säuerliche, grüne, fast aggressive Frische. Dazu kommt ein bewusst konstruierter Metall-Akkord.
Cadeöl ist rauchig, verbrannt, teerig und holzig. Guajakholz verstärkt den dunklen Rauchcharakter. Kiefer und Zeder erzeugen trockenes Holz und Harzigkeit. Myrrhe und Styrax bringen balsamische, dunkle Tiefe. Leder verbindet das Ganze mit dem Innenraum der erzählten Unfallszene.
In Duftdatenbanken wird Carambolage entsprechend als holzig, aldehydisch, grün, aromatisch und rauchig/harzig wahrgenommen.
Charakter: metallisch · rauchig · harzig · holzig · ledrig · grün-säuerlich · trocken · konzeptionell.
Von allen vier ist das für mich der Avantgarde-Duft der Kollektion.
Nicht unbedingt der „schönste“ – aber wahrscheinlich derjenige, der am deutlichsten zeigt, was Notes de Bas de Paje als künstlerische Nischenmarke sein könnte.

Die vier auf einen Blick

Das ist keine offizielle Bewertung, sondern meine Einordnung danach, wie leicht die Duftprofile wahrscheinlich für jemanden zugänglich sind, der die Marke noch nicht kennt.
Was die Marke für mich interessant macht
Notes de Bas de Paje gehört nicht zu den Häusern, bei denen einfach zehn modische Duftprofile unter einer hübschen Markenidentität veröffentlicht werden. Es gibt bislang nur vier Hauptdüfte, und die Gründer versuchen erkennbar, eine
fortlaufende Erzählung aufzubauen.
Außerdem arbeitet das Haus eng mit Flair Paris zusammen. Die ersten vier Düfte stammen von verschiedenen Parfümeur:innen aus bzw. im Umfeld dieses unabhängigen Studios: Amélie Bourgeois, Elia Chiche, Margaux Le Paih Guérin und Camille Chemardin.
Flair ist relativ klein und betont kreative Freiheit und direkten Kontakt zwischen Parfümeur und Marke.

Das erklärt vermutlich auch, weshalb die Düfte trotz der gemeinsamen konzeptionellen Sprache nicht wie vier Variationen derselben DNA wirken:
Prolégomènes: Licht und Neubeginn.
Olatua: Wasser und Erinnerung.
Towédé: Erde und Herkunft.
Carambolage: Metall, Rauch und Schock.
Fast wie vier Kurzgeschichten desselben Buches.
Interessant ist außerdem die Entwicklung: Die ersten drei Düfte erschienen gemeinsam als Debütkollektion 2023. Carambolage ist das vierte Kapitel und kam erst Ende 2025 hinzu.
Was ich zuerst probieren würde
Wenn du frisch, elegant und trotzdem ungewöhnlich suchst → Prolégomènes.
Wenn du Sommer, Meer, Kokos und Sonnencreme magst, aber keine banale tropische Süße willst → Olatua.
Wenn du Gourmands, Schokolade, Leder, Gewürze, Patchouli und Vanille liebst → Towédé.
Wenn du Dinge wie Rauch, Teer, Metall, Leder, Harze und konzeptionelle Parfümerie spannend findest unbedingt→ Carambolage.
Die Marke bietet aktuell auch ein Discovery Set der vollständigen Kollektion an; auf der offiziellen Seite wird es mit 42 € geführt. Das ergibt bei einer derart eigenwilligen Linie wesentlich mehr Sinn als ein Blindkauf einer 50-ml-Flasche.

Mein Eindruck der Marke insgesamt:
Notes de Bas de Paje bewegt sich zwischen tragbarer moderner Nischenparfümerie und echter konzeptioneller Parfümerie. Prolégomènes und Olatua zeigen die schönere, poetischere Seite; Towédé wird körperlicher und dunkler; Carambolage zeigt, dass das Konzept „Duft als Fußnote einer Biografie“ auch unangenehme oder traumatische Kapitel zulässt. Gerade dieser Schritt macht das Haus für mich wesentlich interessanter als eine weitere schön verpackte französische Nischenmarke.



